Ortschronik Kirchhasel

Ortschronik Kirchhasel

Die erste sichere schriftliche Erwähnung des Ortes (Kirch-)Hasel ist in einer Urkunde vom 27. März 1305, in der der Edle Ulrich von  Hasel („de Hasela“) als Zeuge beim Grundstücksverkauf des Grafen Otto von Orlamünde an das Kloster Ichtershausen genannt wird. In der Flur der Haselorte gab es noch zwei weitere Dörfer nämlich das  Saalefischerdorf Redwitz zwischen Unterhasel und Rudolstadt und den Ort Benndorf zwischen Kirchhasel und Mötzelbach. Beide Orte wurden im Spätmittelalter wegen ungünstiger natürlicher Bedingungen (der erste wegen Hochwasser, der zweite wegen Wassermangel) aufgegeben, die meisten Einwohner dieser Orte siedelten nach Kirchhasel um.

Das älteste erhaltene Gebäude in Kirchhasel ist der untere Teil des Kirchturmes, der um 1300 als Wehrturm entstand, der in seinem Inneren schon damals einen Altar enthielt. In alten Schriften wird berichtet, dass der bescheidene Wohlstand immer wieder durch Naturkatastrophen, Krankheiten und Kriege zunichte gemacht wurde, so z.B. 1546, als nach der Entscheidungsschlacht des Schmalkaldischen Krieges bei Mühlberg Herzog Alba mit 30.000 Soldaten des kaiserlich-katholischen Heeres durchs Saaletal zog und diese beim Durchmarsch durch Kirchhasel Vieh und alles, was nicht niet- und nagelfest war, raubten.

In der Zeit der bürgerlichen Aufklärung kam es auch in den Haseldörfern zur allmählichen Auflösung der mittelalterlichen Strukturen und Methoden. Um 1740 wurde der Kartoffel- und Kleeanbau eingeführt, deren Durchsetzung aber noch die Dreifelderwirtschaft im Wege stand. Der 1839 vom Pfarrer und weit bekannten Publizisten Dr. Wohlfarth gegründete Leseverein fand in Kirchhasel regen Zuspruch und war in der gesamten Region beispielgebend. 1848 wurde der Leseverein verboten, weil anstatt landwirtschaftlicher Bildungsthemen zunehmend politische Diskussionen geführt wurden. Infolge der 1848er Revolution, die auch in Kirchhasel ihren Widerhall fand, kam es zur endgültigen Auflösung der Feudalgesellschaft.

Bevor der landwirtschaftliche Aufschwung begann, wanderten 1851-1867 12 Kirchhaseler nach Amerika aus, vielleicht auch einige Unterhaseler, die sich wegen der ständigen Saalehochwasser und verheerenden Eisfahrten 1860 zur Aufgabe ihres Ortes und zur Umsiedlung nach Kirchhasel  entschlossen hatten. Von den ehemals 23 Gehöften des Saalefischerdorfes stehen heute noch drei am ursprünglichen Ort. Mit dem Bau der Eisenbahn 1870-74 und der beginnenden Industrialisierung im nahen Rudolstadt begann auch in Kirchhasel ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung in der Landwirtschaft.

Die Aufgeschlossenheit kommt z.B. in der 1876 gegründeten Fortbildungsschule zum Ausdruck. Die Bauern schlossen sich zusammen, um gemeinsam teure Maschinen zu kaufen; 1887 wurden die erste und später noch zwei weitere  Dreschmaschinengenossenschaften gegründet. Während in anderen Dörfern die Gemeindebrauereien durch die sich vergrößernden städtischen Brauhäuser verdrängt wurden, privatisiert die Kirchhaseler Gemeinde 1870 ihr Brauhaus. Es ist in den Folgejahren durch eine neue Brauerei mit moderner Dampfmaschinentechnik ersetzt worden, die mit den Stadtbrauereien mithalten konnte. Der neue, in die Dorfgemeinschaft aufgenommene Brauereibesitzer  Petzold, setzte sich sehr für den Bau eines  Eisenbahnhaltepunktes ein, der  1877 eröffnet werden konnte.

1900 baute die Gemeinde eine neue Schule. 1902 war Petzold die treibende Kraft für den Bau einer Telefonleitung von Rudolstadt nach Kirchhasel. 1910 begann man mit dem Bau der Kanalisation in der Riethtalgasse und 1911 wurde die Gemeinde an das Stromnetz des Saale- Elektrizitätswerkes Saalfeld angeschlossen. Ein weiterer Industriebetrieb - die Kartoffeltrocknungsanlage - entstand 1913. Das kulturelle Leben in der Gemeinde bestimmten der Gesangverein „Concordia“ und der Burschenverein „Kameradschaft“.

Das wirtschaftliche Hoch der Gemeinde endete mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges, in dem 12 Kirchhaseler ihr Leben ließen und an dessen Ende der Kaiser und die Fürsten abdanken mussten. Nach der Inflation versuchten die Kirchhaseler wieder an alte Zeiten anzuknüpfen: 1926 gründete man eine Herdbuchgenossenschaft, setzte 1927 den Bau der Kanalisation fort und errichtete 1929 die Saalebrücke bei Unterhasel. In Kirchhasel wurde 1934 zur Bewässerung der Saalewiesen mit den städtischen Abwässern eine Bewässerungsgenossenschaft gegründet und 1934-40 die Separation (Neuordnung) der Flur durchgeführt. In Vorbereitung des Krieges entstand 1937/38 ein Reichsarbeitsdienstlager auf dem Territorium der Gemeinde. Der 2. Weltkrieg 1939-45 kostete 33 Kirchhaselern das Leben.

Das größte Problem nach dem Krieg war die Unterbringung, Verpflegung und Integration der aus den deutschen Ostgebieten vertriebenen Menschen. Plötzlich hat sich die Bevölkerungszahl in Kirchhasel etwa verdoppelt. Welche Verhältnisse damals herrschten, kann z.B. an der Kirchhaseler Einklassenschule verdeutlicht werden. Hier musste der neue Lehrer vormittags 78 Schüler der Klassenstufen 4-8 und eine Lehrerin nachmittags 42 Kinder der Klassen 1-3 in einem Raum unterrichten, doppelt so viel wie vor dem Kriege. Die Schule, in der später nur noch die Kinder der Klassenstufen 1-4 unterrichtet wurden, ist 1966 geschlossen worden.

Bis Anfang der 1960er Jahre hatte sich die unerträgliche Enge in den Wohnhäusern im Wesentlichen aufgelöst, weil inzwischen einige neue Häuser gebaut wurden, viele wegzogen und einige Leute der inzwischen gegründeten DDR den Rücken kehrten. Nach einer Aktionskampagne der SED gründeten 1958 ein paar Bauern die LPG Typ I „Saaleaue“. In den Folgejahren vergrößerte sich die LPG durch Zusammenschlüsse mit anderen LPGen der Nachbarorte, bis 1975  die spezialisierte LPG Pflanzenproduktion „Saaletal“ (ab 1977 LPG P „Wilhelm Pieck“) mit Sitz in  Kirchhasel entstand. Sie umfasste ein Gebiet von 12.600 ha und bearbeitete 3880 ha Ackerland und 1410 ha Grünland. In Kirchhasel entstand ein neues Verwaltungs- und Sozialgebäude, ein Technikstützpunkt für die Instandhaltung der Traktoren und Großmaschinen und 1986 noch eine Kartoffelschäl- und Gemüseaufbereitungsanlage sowie ein Kartoffellagerhaus und eine Kartoffelsortieranlage.

Zur Gewinnung neuer Arbeitskräfte für die Kartoffel- und Gemüsehallen wurden 1986-87 fünf Wohnblöcke mit je 6 Wohnungen „Hinter der Kirche“ errichtet. Außerdem entstanden in den 1980er Jahren 19 private Einfamilienhäuser, seit dem 1970er Jahren wurden auch viele alte Bauernhäuser modernisiert. Die Einwohnerzahl erhöhte sich  von 603 EW (1981 Tiefstand) auf 689  EW (1989).  Nach den sich überstürzenden Ereignissen der politischen Wende, der Währungsreform und des Anschlusses der DDR an die BRD 1989/90  änderte sich auch hier das Leben grundsätzlich. Die LPG Kirchhasel wurde aufgelöst, die Bewirtschaftung der hiesigen Felder übernahm die Agrargenossenschaft Catharinau.

Der neue Gemeinderat beschloss 1990 die Erschließung eines Gewerbegebietes, das sich an das Gewerbegebiet Rudolstadt-Ost anschließt. Schon bald gehörte Kirchhasel zu den Orten mit der größten Verschuldung aber auch mit den größten Steuereinnahmen pro Einwohner. Bei der Kommunalreform verließ die Gemeinde die Verwaltungsgemeinschaft Uhlstädt und gründete 1993 zusammen mit den Gemeinden Etzelbach, Kolkwitz und Catharinau eine Einheitsgemeinde, der sich später die Gemeinden Mötzelbach und Neusitz anschlossen. Der neue Gemeindeverwaltungssitz wurde im ehemaligen LPG-Bürogebäude eingerichtet. Die neue Einheitsgemeinde entwickelte sich zu einer wirtschaftlich starken Kommune, die es sich leisten konnte, in den Folgejahren in fast allen ihren Ortsteilen mit Hilfe staatlicher Fördergelder die Ortserneuerung durchzuführen. Im Ort Kirchhasel  wurde außer dem Gewerbegebiet auch ein Wohngebiet erschlossen, das gegenwärtig etwa zur Hälfte bebaut ist. In keiner Epoche sind in Kirchhasel so viele Wohnhäuser entstanden wie in der kurzen Zeit „nach der Wende“. Die Einheitsgemeinde Kirchhasel gehörte damit zu den wenigen Kommunen, die sich gegen den allgemeinen Trend einwohnermäßig vergrößerten.

Trotzdem gelang es nicht, die für eine Selbstverwaltung gesetzlich vorgeschriebene Mindesteinwohnerzahl von 3000 zu erreichen, so dass die Kommunalaufsicht erzwang, dass sich die Gemeinden Uhlstädt, Kirchhasel und einige Hexengrundgemeinden im Jahre 2002 zur Großgemeinde Uhlstädt-Kirchhasel zusammenschlossen.

 

Die ausführliche Geschichte von Kirchhasel und der Nachbarorte Ober- und Unterhasel wurde anlässlich der 700-Jahr-Feier 2005 vom Ortschronisten Jürgen Weyer als Buch veröffentlicht das 374 Seiten, 77 Bilder, ein Sach- und Stichwortverzeichnis sowie ein ausführliches Personenregister hat. Es kann bei der Gemeinde Uhlstädt-Kirchhasel (www.uhlstaedt-kirchhasel.de) zum Preis von 19,00 € zzgl. der Portokosten bezogen werden.

Aktualisiert (Sonntag, den 20. März 2011 um 14:33 Uhr)

 
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